Freitag, 4. Februar 2011

Tag 2

Tag 2, 14.23

Ich wünschte, ich wäre tot.

Naja, vielleicht nicht ganz so dramatisch. Vielleicht sollte ich das lieber so formulieren: ich wünschte, ich wäre hässlich. Dick, aber glücklich. Dass ich Essen genießen könnte. Dass ich nicht ständig auf Diät sein müsste (ich nenne es zwar nie „Diät“, aber im Grunde ist es doch Diät, wenn man nur noch Obst und Gemüse essen kann.) Ich wünschte ich wäre in einem kleinen Dorf geboren, irgendwo in Nepal oder so, so dass ich jetzt als tibetische Nonne in einem Kloster den ganzen Tag lang nur meditieren könnte und mir um den Rest der Welt keine Sorgen machen müsste. Irgendwo, wo man keinen Wert darauf liegt, welche Kleidergröße man trägt, oder wie viele Freunde man auf Facebook hat.
Ich habe vor kurzem irgendwo gelesen, dass „Frauen, die von Essstörungen betroffen sind, meistens eher zum hübscheren 10% der Frauen zählen“. Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Denn okay, so mal ganz ehrlich gesagt, was bin ich eigentlich? Ich denke schon, dass ich hübscher als der Durchschnitt bin (okay, das ist ein Problem, denn was ist denn eigentlich mein Maßstab? Weltweiter Frauendurchschnitt? Frauen in Deutschland? Frauen an der Uni? Frauen im Fernseher?), sagen wir mal der normale Durchschnitt der Frauen, die man so auf der Straße hier sieht (wie gesagt, das ändert sich bereits schon dann, wenn ich in der U-Bahn auf dem Weg zur Uni bin). Wenn man das so sieht, dann okay, bin ich wohl kein hässliches Entlein, ABER ich bin auch nicht so hübsch wie viele andere Frauen (Models, naja die sind mir eigentlich egal. Frauen im Film und Fernseher... nein, sie sind mir nicht egal. Pornstars? Sind mir am wenigsten egal!!). Beliebtheit ist dünn. Erfolg ist dünn. Glück ist dünn. Alle Frauen, die man sieht, sind dünn, schlank, hübsch. Das ist die Message, die einem tagtäglich ins Gehirn gewaschen wird.
Deswegen wünschte ich, dass ich erst gar nicht irgendwie auf den Gedanken kommen würde, jemals solche Ansprüche zu haben um so auszusehen. Aber der Druck ist groß. Vor ein paar Wochen bei meinen Eltern hat mich eine Arbeitskollegin von meinem Vater fast in einer aggressiven Art und Weise dafür gelobt, dass ich „voll viel abgenommen hätte“. „Du siehst einfach wundervoll aus, du bist sooo schlank geworden!“ wiederholte sie so oft, bis selbst meine Mutter und meine Tante die Augen rollen mussten. Ja, es stimmt. Als ich das letzte Mal bei meinen Eltern war (das war 2008) , wog ich mehr. Aber, was keiner dort weis: ich war damals über glücklich. Ich aß unbeschwert, gönnte mir Capuccinos, Schokoladendesserts und Brunches. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben verliebt (richtig glücklich verliebt) hatte ein wundervolles Praktikum und viele Freunde. Ich war glücklich.
Anders als jetzt.
Aber man wird nicht dafür gelobt, ob man glücklich ist oder nicht. Man wird fürs glücklichsein nicht angelächelt, nicht freundlich behandelt, nicht bewundert, nicht einmal angeschaut. Nein, das wird man nur, wenn man dünn ist. Dafür bekommt man Komplimente, Lob, Aufmerksamkeit, Liebe. Scheiße man, warum bin ich nur so oberflächig? Früher hätte mich das alles nicht interessiert. Sinnloses Gelaber. Aber jetzt ist es zu spät. Ich kann nicht anders, als mich ständig mit anderen zu vergleichen. Ständig in den Spiegel zu gucken und mich innerlich über meinen viel zu fetten und schwabbeligen Bauch zu beschweren.
Ich kann nicht anders, als alles, was ich esse und dick macht (meine ehemalige Therapeutin würde sagen, alles was auf meiner Liste von „verbotenen Nahrungsmittel“ steht) wieder auszukotzen, aus Angst. Angst zur versagen. Dick zu werden. Wieder zuzunehmen. Anstatt Komplimente nur noch peinlich berührte Blicke („Mensch, die hat ja ganz schön zugenommen“) zu bekommen.

wenigstens hab ich heute eigentlich wenig gegessen und noch nicht erbrochen. besser auf jeden Fall als gestern, wo ich den ganzen Tag nur über der Kloschüssel hing. Wie ich das Kotzen leid habe. Und ach so ja, gestern ist mir was ganz blödes passiert. Einmal hab ich mich tatsächlich zum ersten Mal mit den Zähnen eine kleine Schnittwunde auf meiner rechten Hand zugefügt. Aber, ehrlich gesagt, wem interessierts? Was noch viel schlimmer war: als mein Freund nach Hause kam, legte ich mich kurz zu ihm auf die Couch. Er hatte Hunger, wollte zur Küche gehen. Ich bin daraufhin schnell aufgestanden, wollte vor ihm in der Küche sein, und ihm beim kochen helfen. Und mir ist wirklich für einen Moment lang schwach geworden. So ganz komisch, wackelige Beine und so. aber das ist alles nur Einbildung. Ich bin einfach nur zu schnell aufgestanden. Und vielleicht war es auch ein heimlicher Hilferuf („, bitte, rette mich, ich hasse mich, ich hasse alles, das Leben, das Essen, einfach alles, bitte mach, das es aufhört!“), aber ich konnte nicht mit ihm darüber reden. Hab nur etwas geheult. Das wars. Und er? Er hat das getan, was er am besten kann. Alles ignorieren. Zwar bestand er darauf, dass ich noch ein Glas Wasser trinken sollte (was ich nicht getan hab) und dann hat er mir noch dabei geholfen, mir etwas Gemüse zu schneiden. Gemüse! Das kann ich ja essen, dachte ich so. aber sobald ich den großen Teller leer hatte, wollte ich mehr. Bin somit zurück in die Küche, hab alles gefuttert, was ich finden konnte (Toast mit Erdnussbutter, Cornflakes, Schokolade die er gekauft hatte, leider gabs nicht mehr als das) und daraufhin rannte ich zum dritten Mal an dem Tag zur Toilette. Aber ich hatte Angst, vielleicht würde er mich aufhalten wollen? Ich war ziemlich lang da drin, es war sehr schwer, Gemüse ist nicht leicht zu erbrechen und alles kam beim besten Willen nicht mehr heraus. Ich kam nach einer langen Weile wieder raus, und mein Freund saß auf der Couch und spielte Xbox.

Tja, heute bin ich wenigstens nicht zu Hause geblieben! Das ist ein Fortschritt! Ich weiß, ich sollte mal mein Hütten-Käse-Brötchen oder so essen, aber ich kann nicht. Ich muss jetzt auch weiter an meiner Abschlussarbeit schreiben. Ich scheiße jetzt einfach mal aufs Essen.

17.05

das hat natürlich nicht geklappt, hab das Brötchen regelrecht verschlungen. 
....

Hmm... das Brötchen hatte bestimmt mindestens 300 bis 400 Kalorien! Ist schon ziemlich viel. Heute abend hab ich wieder ein „Essen“. Mit einer Freundin. Was für eine Geldverschwendung, es landet sowieso wieder alles in der Toilette... fuck.

1 Kommentar:

  1. Lucky Club Casino Site - LuckyClub
    Lucky Club Casino is a new online gambling platform established in 2013 by LeoVegas. It was established in luckyclub 2018 and has attracted many players. LuckyClub Casino has

    AntwortenLöschen